Duell der Werkstoffe: Warum Treppentürme (k)ein Leichtgewicht sein dürfen

Aluminium ist leicht, korrosionsbeständig und modern – doch für tragende Strukturen wie Treppentürme ist nicht die Festigkeit entscheidend, sondern die Steifigkeit. Mit einem E-Modul von nur 70.000 N/mm² verformt sich Aluminium unter Last etwa dreimal so stark wie Stahl (210.000 N/mm²). Eine Vergleichsrechnung in SCIA Engineer zeigt die Konsequenz: Identische Treppentürme, identische Windlasten – aber 24,5 cm Kopfverschiebung bei Aluminium gegenüber 7,8 cm bei Stahl.
„Warum schwer bauen, wenn es auch leicht geht?" Diese Frage stellen Bauherren und Architekten regelmäßig. Die Antwort liegt in einer physikalischen Realität, die oft unterschätzt wird.
Die Simulation: Gleiche Last, drastisch andere Reaktion

Um das Verhalten beider Materialien unter realen Bedingungen zu visualisieren, wurden zwei baugleiche Treppentürme in der Statik-Software (SCIA Engineer) modelliert und denselben Windlasten ausgesetzt. Die Geometrie ist identisch, die Profile sind vergleichbar dimensioniert. Das Ergebnis der Verformungsanalyse spricht jedoch eine deutliche Sprache:

Der Stahlturm (oben links): Die Struktur zeigt sich unbeeindruckt. Die Spitze weicht unter der Windlast lediglich um 7,8 cm aus. Ein völlig normaler Wert für eine Konstruktion dieser Höhe.
Der Aluminiumturm (unten rechts): Hier zeigt sich ein ganz anderes Bild. Die Struktur gibt deutlich nach, die Spitze verschiebt sich um 24,5 cm.
Das Verhältnis ist bemerkenswert: Der Aluminiumturm verformt sich mehr als dreimal so stark wie sein Gegenstück aus Stahl.
Der physikalische Hintergrund: Der Faktor 3

Dieses Ergebnis ist kein Zufall, sondern liegt in der Natur des Materials begründet. Der entscheidende Kennwert ist hier nicht das Gewicht, sondern der sogenannte E-Modul (Elastizitätsmodul). Vereinfacht ausgedrückt beschreibt dieser Wert, wie viel Widerstand ein Material seiner Verformung entgegensetzt.
Stahl besitzt einen E-Modul von 210.000 N/mm², Aluminium hingegen nur etwa 70.000 N/mm². Das ist fast exakt ein Drittel. Das bedeutet: Um die gleiche Steifigkeit – also das gleiche „Nicht-Wackeln“ – wie bei Stahl zu erreichen, müssten die Aluminiumprofile dreimal so massiv ausgeführt werden. Damit wäre jedoch jeder Gewichtsvorteil dahin und die Kosten würden explodieren.
Das Problem der „gefühlten Sicherheit“

Warum sind diese 24,5 cm Verformung problematisch? Der Turm würde unter dieser Last nicht zwangsläufig einstürzen. Aluminium ist durchaus fest genug, um nicht zu brechen. Das Problem liegt in der Gebrauchstauglichkeit.
Eine so weiche Konstruktion verhält sich wie eine gespannte Feder. Beim Begehen eines solchen Turms würden Nutzer unweigerlich spüren, wie die Struktur unter jedem Schritt nachgibt und schwingt. Ein Treppenturm, der sich bei Wind oder Personenverkehr spürbar bewegt, löst beim Menschen instinktiv Unbehagen bis hin zu Schwindelgefühlen aus. Technisch mag das Bauwerk sicher sein – psychologisch wirkt es instabil. Im Stahlbau gilt daher der Grundsatz: Eine Treppe muss sich so fest anfühlen wie der Boden, auf dem sie steht.
Wirtschaftlichkeit und Brandschutz

Neben der fehlenden Steifigkeit sprechen zwei weitere Faktoren für den Stahl als Tragwerk:
- Kosten: Aluminium ist in der Herstellung und Verarbeitung deutlich energieintensiver und teurer als Stahl. Müsste man die Profile vergrößern, um die fehlende Steifigkeit auszugleichen, würde das Projekt unwirtschaftlich.
- Verhalten im Brandfall: Während Stahl bei hohen Temperaturen zwar an Festigkeit verliert, geschieht dies bei Aluminium deutlich früher und drastischer. Ein Stahlturm bietet im Ernstfall längere Rettungszeiten.
Fazit: Die richtige Arbeitsteilung

Das Experiment zeigt, dass „leichter“ nicht automatisch „besser“ bedeutet. Im modernen Ingenieurbau hat jeder Werkstoff seinen Platz: Stahl bildet das Skelett. Er sorgt für die notwendige Steifigkeit, damit der Turm auch in 25 Metern Höhe ruhig und sicher steht. Aluminium findet seinen idealen Einsatzbereich dort, wo es nicht auf die globale Steifigkeit ankommt, sondern auf Gewichtsersparnis und Witterungsschutz – etwa bei Fassaden, Treppenstufen und Verkleidungen.
So entsteht ein Bauwerk, das wirtschaftlich ist und dem Nutzer das wichtigste Gefühl von allen vermittelt: Sicherheit.

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen
Mitglied der Kammer
Eingetragen in die Liste der Qualifizierten Tragwerksplaner (Nr. 750762)
